Doppelter Boden Klasse John Morgan

Doppelter Boden
Klasse John Morgan

Doppelter Boden

Klasse John Morgan

21.06. 18 Uhr (Vernissage)
22.06., 23.06., 29.06. 14-18 Uhr
30.06. 16 Uhr (Finissage)

Banu Alpsü • Ronja Greiner • Jan Hunkemöller • Kim-Camille Kreuz • Jule Kupper • Maxi Lorenz • Finn Loud • Stephanie Passul • Fabio Sacher • Nick Schmidt 

Unter dem Ausstellungstitel “Doppelter Boden” lädt die Klasse John Morgan der Kunstakademie Düsseldorf in eine begehbare Rauminstallation ein, die den Tisch als Objekt in seine verschiedenen Bedeutungszusammenhänge zerlegt. Die KünstlerInnen die mit enormer Wucht, auch feinfühlig und präzise Hand an legen sind: Banu Alpsü, Ronja Greiner, Jan Hunkemöller, Kim-Camille Kreuz, Jule Kupper, Maxi Lorenz, Finn Loud, Stephanie Passul, Fabio Sacher, Nick Schmidt.

Der offizielle Titel der Klasse ‘Entwurf, Typographie und Buchkunst’ spiegelt sich in den Schwerpunkten John Morgans eigener Praxis und gemeinsamen Publikationsprojekten wieder. Die Klasse selbst lässt sich besser als medienunabhängige Klasse der freien Kunst beschreiben, in der Grenzen verschiedener Disziplinen verschwimmen und jede/r Einzelne seine/ihre eigene künstlerische Praxis definiert.

Die Ausstellung ist Teil der Serie advantage book

Stephanie-Passul-Daniel-Seemayer-La-Felce

Exh.Poster: Stephanie Passul & Daniel Seemayer

John-Morgan-Wrestling
Daniel-Seemayer-Stephanie-Passul-La-Felce

Exh.Shirt

Schmetterlings­kuss  Pauline Rintsch

Schmetterlings­kuss
Pauline Rintsch

Schmetterlingskuss

Pauline Rintsch

17.05.2024  18-22 Uhr (Vernissage)
18.05.-16.06.2024 Do+Fr 16-19 Uhr  
16.06.2024 16 Uhr (Finissage)

Amelie Gappa (Kuratorin), Martha Herfort (Szenografie Assistenz), Juliane Schmitt (Grafikdesign) Gefördert vom Kulturamt Köln. 

In ihrer ersten Einzelausstellung Schmetterlingskuss im La Felce in Köln präsentiert die Düsseldorfer Künstlerin Pauline Rintsch  (*1995) neue Arbeiten. In ihren figurativen Malereien setzt sich die Künstlerin mit Themen unseres menschlichen Daseins auseinander: Alltagszenen und -gesten, Freund*innen- und Mutterschaft. Was um sie herum passiert, umtreibt die Künstlerin. Nicht das einsame Genie kreiert, sondern ihre Arbeiten speisen sich aus dem Austausch zwischen Menschen und bieten uns damit Projektionsflächen und Anknüpfungspunkte für persönliche Erlebnisse. Mit offenem Blick und an Details interessiert, baut Pauline Rintsch ihre Arbeiten auf Basis der Objekte oder Momente ihrer Faszination auf. Auch ihre neuesten, kleinformatigen Werke finden ihren Ursprung im direkten Umfeld der Künstlerin, sind aber nun von einem poetisch-märchenhaften Narrativ durchzogen, in dem sich Mensch und Tier annähern: Mal wird die Katze auf dem Kopf eines Kindes zum menschlichen Haar, ein bekleidender Pelz zum schützenden Fell und schlanke Hände zu roten Krallen. Ein anderes Mal recken drei Mädchen gierig ihre Köpfe und Zungen wie Jungvögel zu einer saftigen Erdbeere. Das Tier(ische) dient hier nicht nur als Staffage oder Symbol, sondern verleiht Pauline Rintschs Arbeiten auch eine anti-rationale sowie magische Gestalt.

In her first solo exhibition Schmetterlingskuss (Butterfly Kiss) at La Felce in Cologne, the Düsseldorf-based artist Pauline Rintsch (*1995) presents new works. In her figurative paintings, she explores themes of our human existence: everyday scenes and gestures, friendship and motherhood. The artist is driven by the events and scenes that surround her. It is not the solitary genius who creates, but rather her works are based on the exchange between people and thus offer us scope for projection and points of reference for personal experiences. With an open eye and an interest in details, Pauline Rintsch develops her works on the basis of the objects or moments that fascinate her. Her latest small-format works also draw inspiration from the artist’s immediate surroundings, but are now imbued with a poetic, fairytale-like narrative in which humans and animals draw closer together: The cat on a child’s head becomes human hair, a fur coat becomes protective fur and slender hands become red claws. In another instance, three girls greedily stretch their heads and tongues towards a juicy strawberry, resembling young birds. The animal(ism) serves not only as staffage or a symbol, but also awards Pauline Rintsch’s works an anti-rational and magical form.

Amelie Gappa (Curator), Martha Herfort (Scenography Assistant), Juliane Schmitt (Graphic Design)

La-Felce-Pauline-Rintsch-Amelie-Gappa

»reaching for the stars II«

La-Felce-Pauline-Rintsch-Juliane-Schmitt

Graphic Design: Juliane Schmitt

La-Felce-Pauline-Rintsch-Dirk-Rose-Amelie-Gappa

Installation view Pauline Rintsch. Schmetterlingskuss, La Felce Cologne, 2024 © Pauline Rintsch, Photo: Dirk Rose

Pauline-Rintsch-La-Felce-Amelie-Gappa

»Vasja«

La-Felce-Pauline-Rintsch-Dirk-Rose-Amelie-Gappa

Installation view Pauline Rintsch. Schmetterlingskuss, La Felce Cologne, 2024; Vasja, oil on paper, 2024, 56 x 42 cm © Pauline Rintsch, Photo: Dirk Rose

Pauline-Rintsch-La-Felce-Amelie-Gappa

»providing (Helene + Amaia)«

La-Felce-Pauline-Rintsch-Dirk-Rose-Amelie-Gappa

Installation view Pauline Rintsch. Schmetterlingskuss, La Felce Cologne, 2024; providing (Helene + Amaia), oil on paper, 2024, 56 x 42 cm (left); reaching for the stars I, oil on paper, 2024, 56 x 42 cm (right) © Pauline Rintsch, Photo: Dirk Rose

Pauline-Rintsch-La-Felce

»reaching for the star I«

Pauline-Rintsch-La-Felce

»ohne Titel (symbol of pain)«

La-Felce-Pauline-Rintsch-Dirk-Rose-Amelie-Gappa

Installation view Pauline Rintsch. Schmetterlingskuss, La Felce Cologne, 2024; reaching for the stars II, oil on paper, 2024, 56 x 42 cm (left); Ohne Titel (symbol of pain), oil on paper, 2024, 56 x 42 cm (right) © Pauline Rintsch, Photo: Dirk Rose

Schmetterkingskuss-Pauline-Rintsch-La-Felce-Amelie-Gappa

»Schmetterkingskuss«

La-Felce-Pauline-Rintsch-Dirk-Rose-Amelie-Gappa

Installation view Pauline Rintsch. Schmetterlingskuss, La Felce Cologne, 2024; Schmetterlingskuss, oil on paper, 2024, 56 x 42 cm (left); providing (Helene + Amaia), oil on paper, 2024, 56 x 42 cm (center); Ohne Titel (symbol of pain), oil on paper, 2024, 56 x 42 cm (right) © Pauline Rintsch, Photo: Dirk Rose

La-Felce-Pauline-Rintsch-Dirk-Rose-Amelie-Gappa

Installation view Pauline Rintsch. Schmetterlingskuss, La Felce Cologne, 2024; reaching for the stars II, oil on paper, 2024, 56 x 42 cm © Pauline Rintsch, Photo: Dirk Rose

La-Felce-Pauline-Rintsch-Dirk-Rose-Amelie-Gappa

Installation view Pauline Rintsch. Schmetterlingskuss, La Felce Cologne, 2024; Ohne Titel (symbol of pain), oil on paper, 2024, 56 x 42 cm © Pauline Rintsch, Photo: Dirk Rose

Text: Amelie Gappa       (scroll for eng)

In ihrer Einzelausstellung Schmetterlingskuss zeigt die Düsseldorfer Künstlerin Pauline Rintsch neue Arbeiten. In ihren figurativen Malereien setzt sie sich mit Themen unseres menschlichen Daseins auseinander: Alltagszenen und -gesten, Freund*innen- und Mutterschaft. Was um sie herum passiert, umtreibt die Künstlerin. Nicht das einsame Genie kreiert, sondern ihre Arbeiten speisen sich aus dem Austausch zwischen Menschen und bieten uns damit Projektionsflächen und Anknüpfungspunkte für persönliche Erlebnisse. Mit offenem Blick und an Details interessiert, baut Pauline Rintsch ihre Arbeiten auf Basis der Personen, Objekte, Begriffe oder Momente ihrer Faszination auf.

Auch ihre neuesten, kleinformatigen Werke finden ihren Ursprung im direkten Umfeld der Künstlerin, sind aber nun von einem poetisch-märchenhaften Narrativ durchzogen, in dem sich Mensch und Tier annähern: Mal wird die Katze auf dem Kopf eines Kindes zum menschlichen Haar, ein bekleidender Pelz zum schützenden Fell und schlanke Hände zu roten Krallen. Ein anderes Mal recken drei Mädchen gierig ihre Köpfe und Zungen wie Jungvögel zu einer saftigen Erdbeere. Das Tier(ische) dient bei Pauline Rintschs Arbeiten damit nicht nur als Staffage oder Symbol, sondern verleiht ihnen auch eine anti-rationale sowie magische Gestalt.

Ihre Arbeiten zeigen zudem Gesten der Zuneigung oder des Sich-Kümmerns: Bei providing (Helene + Amaia) steht eine Mutter, die ihrem Kind eine Wasserflasche zum Trinken an den Mund hält, im Zentrum des Geschehens. Die Arbeit Schmetterlingskuss, die titelgebend für die Ausstellung ist, verbildlicht eine besondere Art des Kusses, bei dem mit dem Auf- und Zuschlagen der Wimpern die Wange des Gegenübers liebkost wird. Diese Geste nimmt die Künstlerin als Ausgangspunkt für ihre Malerei und kombiniert sie mit dem Portrait eines Freundes.

Flach ohne Rahmung an die Wand angebracht, stehen die Werke sich und den Betrachtenden gegenüber. Ohne Rahmung – ohne Schutz, ohne Schmuck – und damit verletzlicher. Im La Felce werden sie zusätzlich durch Paravents aus Holz und Papier in den Raum gebracht, treten zurück und hervor und erlauben neue Blickwinkel. Wie herangezoomt erscheinen viele der Malereien – ausschnitthaft – und geben keinen Ort des Geschehens zu erkennen. Verbunden mit einer symbolträchtigen Bildsprache erhalten sie eine parabelhafte Gestalt und lassen Raum für ihr Weiterdenken. 

(Eng)

In her solo exhibition Schmetterlingskuss (Butterfly Kiss) the Düsseldorf-based artist Pauline Rintsch presents new works. In her figurative paintings, she explores themes of our human existence: everyday scenes and gestures, friendship and motherhood. The artist is driven by the events and scenes that surround her. It is not the solitary genius who creates, but rather her works are based on the exchange between people and thus offer us scope for projection and points of reference for personal experiences. With an open eye and an interest in details, Pauline Rintsch develops her works on the basis of the persons, objects or phrases that fascinate her.

Her latest small-format works also draw inspiration from the artist’s immediate surroundings, but are now imbued with a poetic, fairytale-like narrative in which humans and animals draw closer together: The cat on a child’s head becomes human hair, a fur coat becomes protective fur and slender hands become red claws. In another instance, three girls greedily stretch their heads and tongues towards a juicy strawberry, resembling young birds. The animal(ism) serves not only as staffage or a symbol, but also awards Pauline Rintsch’s works an anti-rational and magical form. 

Her works also show gestures of love or caring: in providing (Helene + Amaia), a mother holding a bottle of water to her child’s mouth is at the centre of the scene. The work Schmetterlingskuss, which gives the exhibition its title, visualises a special kind of kiss in which the cheek of the other person is gently touched by opening and closing the eyelashes. Pauline Rintsch took this gesture as the starting point for her painting and combined it with a portrait of a friend.

Mounted flat on the wall and left unframed, the works face each other and the viewer. Without frames – without protection, without decoration – making them more vulnerable. In La Felce, they are additionally placed in the space by folding screens made of wood and paper, retreating and emerging and allowing new perspectives. Many of the paintings appear as if zoomed in – cropped – without revealing the original scene. Combined with symbolic imagery, they take on a parable-like form and leave room for further thought.

Soft Spot   Julia Jesionek

Soft Spot
Julia Jesionek

Soft Spot

Julia Jesionek

15.03. 18-22 Uhr (Vernissage)

16.03.-14.04.2024 Do+Fr 16-19 Uhr
+ 18.04., 25.04., 26.04. 16-19 Uhr | 27.04. 16-22 Uhr, 28.04. 16-20 Uhr (c/o Pop Festival)

Exh.Team: Julia Jesionek,
mit Meike Eiberger (Ausstellungstext), George Popov (Plakat), Timo Schmidt (Ausstellung)

Spinnen, Schmetterlinge, auch Hufeisen; Sehnsüchte, Verletzlichkeit, auch Nacktheit, naked  nicht nude. Julia Jesionek erzählt in ihren Arbeiten mit einer ehrlichen Fröhlichkeit von Bedürfnissen, Konflikten und Geheimnissen. Erzählt werden sie in Bildwelten, hybrid bestehend aus fiktiven Orten und aus welchen, die es schon gibt – im Innersten oder dort, wo es sich unbeobachtet fühlen lässt.

Soft und intensiv zugleich, ein schmunzelndes Verharren und Prüfen dazwischen sind charakteristisch für ihre Zeichnungen und Malereien. Die wiederkehrende Protagonistin und Charaktere lassen ein Selbstporträt vermuten. Durch die spürbare Ambivalenz wird schnell deutlich, dass die Ausstellung über ein reines Erzählen hinausgeht.    TS

Info Julia Jesionek

La-Felce-Julia-Jesionek-George-Popov

Exhibition Poster: George Popov

Once more with feeling  Text von Meike Eiberger   
(scroll for eng)

Ich habe eine Schwäche für das Unbestimmte, für nahtlose Übergänge, für das Ausleben von Gefühlen, für das Tagträumen und für die leisen Töne. Mit Blick auf die Arbeiten Julia Jesioneks bekomme ich den Eindruck, dass unsere Vorlieben ähnliche sind. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ihre Gemälde uns dazu aufrufen, uns mit den Gedanken und Gefühlen der Künstlerin zu verbinden, sodass die Grenzen zwischen den Affinitäten verschwimmen. Entziehen kann man sich den leuchtenden Farben und surreal anmutenden Szenen keinesfalls, stattdessen lockt uns die Künstlerin immer weiter in ihre fantastischen Sujets. Derart werden wir Teil ihrer Kunst, erleben unmittelbar die Affekte der Dargestellten – wer sich darauf einlässt wird mit einer Reise durch das Innerste belohnt, die nicht zuletzt Auskunft über uns selbst geben kann.

Es brummt, zischt und wummert, wenn die Künstlerin sich ans Werk macht. Wie von Zauberhand werden Farben mithilfe der Airbrushpistole in winzige Partikel zerstäubt und lokalisieren sich durch den Luftdruck auf der Leinwand. So reiht sich Mintgrün an Indigo und Rosa an Rot. Blicken wir auf die Gemälde Jesioneks, ist das Wummern immer noch aus der Ferne zu hören. Es bietet uns Orientierung in dieser künstlerischen Welt, die zwar an die Realität erinnert, aber nichts mehr mit ihr gemein hat. Wummernd fühlen sich ebenso unsere Augen, wirken doch viele der Bilder, als ob auf ihnen ein Weichzeichner liegt, der die permeablen Grenzen zwischen unserer Realität und der inneren Welt der Künstlerin verwischt. Vor lauter Neugier tauchen wir bereitwillig in diese Szenen voller starker Protagonist:innen, fantastischer Wesen und allerlei seltsamen Gegenstände ein.

La-Felce-Julia-Jesionek

So findet man sich, ähnlich wie die auf das Blatt geschossenen Pigmente, inmitten dieser surrealen Szenerien wieder. Ist das noch Traum oder Wirklichkeit? Und wenn ja, in wessen Traum bin ich hier eigentlich? Vielleicht träumt die rothaarige Figur in meandyoumories gerade auch von mir und ist genauso verdutzt, wie ich in diesem Moment. Ruhig liegt sie auf einer Vielzahl von Dingen und gleicht dabei einer Prinzessin auf der Erbse. Schlüssel, Teekanne, Kamm und Hufeisen sowie Häschentasse scheinen wie gemacht für diesen tiefen Schlummer. Durch die zarten Farben und die flauschige Textur des Farbauftrags wirken alle Beteiligten in sich selbst federleicht und tuffig. Zu gern würde auch ich dort ein Schläfchen machen – gut bewacht von der rosa Schlange und der Taube. Im Traum werde ich Teil dieser Ordnung, zerfließen meine eigenen Erinnerungen, die zu geteilten werden. Nur das Fieberthermometer lässt die Realität für einen Augenblick aufblitzen – handelt es sich bei dieser wunderbaren weichen Watte-Welt vielleicht doch nur um einen Fiebertraum? Dann wäre es kein Wunder, dass der Kopf so dröhnt – oder ist das womöglich jenes vibrierende Echo, das auf die Entstehung des Werkes verweist?

Viel Zeit darüber nachzudenken bleibt nicht, denn der Blick möchte weiterwandern, sehen, wie diese wundersamen Bild-Geschichten sich weiterspinnen. Vor unseren Augen entwickeln sich die Gemälde zu einer Art Narration – wenngleich die Szenen keine eindeutige Abfolge vorgeben. Durch ihre Durchlässigkeit finden die unterschiedlichen Sujets zueinander, so wie Jesioneks Gedanken und Affekte zu den meinen. Ich fühle mit bei den weinenden Gesichtern, deren große Tränen auf den Boden fallen und den Bilduntergrund wie bei Pond of You zu durchtränken scheinen. Der Eindruck, im wahrsten Sinne einen Tränenteich vor sich zu haben, verstärkt sich durch die Materialität der Malerei: Statt einer Leinwand ist ein Frottee-Handtuch notwendig, um all den Gefühlen gerecht zu werden. Ich fühle die sanften Umarmungen, die Kraft spenden und sich nicht nur auf menschliche Akteur:innen beschränken. In diesen surrealen Konstellationen, dieser Traumwelt erscheint alles möglich – hier kann jede Emotion in ihrer noch so kleinsten Nuance ausgelebt werden!

Bei dieser gnadenlosen Offenheit ist es nur logische Konsequenz, dass viele der Personen in Jesioneks Werken nackt oder nahezu nackt sind. Im Innersten gibt es keinen Raum fürs Verstellen, für Maskeraden oder Pokerfaces. Hier gibt es keinen Grund zu performen. „Nackt zu sein, bedeutet man selbst zu sein“ (Im Original: „To be naked is to be oneself.“) konstatierte 1972 John Berger in seinem vielbeachteten Essay „Ways of Seeing“. Haut fungiert als zarte und permeable Grenze zu unserer Außenwelt. Nackt zu sein bedeutet darum nicht zuletzt, im besonderen Maße verletzlich zu sein. Im Umkehrschluss ermöglicht nackt sein eine tiefergehende Wahrnehmung der Umgebung, merken wir doch unbekleidet jede kleine Nuance des Windes oder der Temperatur auf unserer Haut.


Wie Gefährtinnen begleiten uns die rothaarigen Figuren durch diese inneren Welten. Mal schauen sie uns direkt an, ein anderes Mal sind sie nur klein im Hintergrund zu sehen. Schnell sind wir dazu geneigt, sie als Selbstporträts der Künstlerin zu identifizieren, doch das wäre eine zu eindimensionale Betrachtung. Vielmehr fungieren sie als Alter Ego: wo es schwer fällt voll und ganz nackt, im Sinne von authentisch, zu sein, zeigen sie auf, was in der Imagination bleibt. Sie dienen uns ebenso als Rezeptionsfiguren, wenn wir ihnen gegenüberstehen oder hinter ihrem Rücken auf das Geschehene blicken. Sie eröffnen uns diese Denkräume der Situationen und Affekte, bieten den Anker, um vollends in diese eintauchen zu können. Ob betrübt, fröhlich, stolz oder zufrieden – ähnlich einer Blaupause demonstrieren sie uns, was auf der Klaviatur der Emotionen möglich ist.


In diese, durch die Maltechnik weich anmutenden, Werke ziehen darum auch schwierige Gefühle ein. Mit wütendem und misstrauischem Blick taxiert uns die rothaarige Figur in
Slow Burn. Der sonst so oft in leuchtenden Farben gestalte Hintergrund ist hier verdunkelt, die zarten Schmetterlinge wirken wie aufgeschreckt. Im Mittelalter wurde die Brennnessel genutzt, um böse Geister und Dämonen abzuwehren. Es wirkt beinahe so, als hätte die Protagonistin sie mithilfe des Blicks herauf beschworen, um sich gegen vermeintlich feindliche Einflüsse zu schützen. Ärger und Misstrauen bekommen so ein Gesicht und bedeuten uns keinen Schritt näher zu kommen. Was im Alltag allzu oft mit einem falschen Lächeln übergangen und im Inneren ausgetragen wird, tritt hier an die Oberfläche. Als ironische Brechung des Geschehens lässt sich die Miniatur des kleinen silbernen Bärchen in der linken unteren Ecke verstehen. Komplementär zur Rothaarigen lächelt uns der Bär an, als ob er kein Wässerchen trüben könnte. Wie das Anschauen von süßen Tiervideos im Internet, so entpuppt sich auch das Sticker-Bärchen als adäquater Coping Mechanismus für schwierige Gefühle. Zugleich lassen sich die beiden Bildebenen umdrehen und als Aufforderung verstehen, im Alltag nicht immer das lieb dreinblickende Bärchen zu mimen, sondern auch widerspenstige Affekte zuzulassen und ihnen mehr Raum einzugestehen.

Es sind diese Ambivalenzen, die sich in den Bilder Jesioneks stetig auftun. In Form von Zweideutigkeiten, doppelten Böden oder Interferenzen rufen sie zuweilen Irritationen hervor, eröffnen aber einen ebenso breiten Interpretationsspielraum. Die zarte Machart der Gemälde wird durch die zum Teil düsteren und ernsten Sujets gebrochen. Die Protagonistinnen ziehen uns hinein in das Geschehen, nicht ohne sich zuweilen wieder von uns zu distanzieren. Die Werke leben vom Dazwischen, vom Uneindeutigen, aber ebenso von unserer Bereitschaft uns allumfänglich auf dieses Wechselspiel einzulassen. Und so wummert es weiter…

 

Julia Jesionek, geboren 1998 in Gifhorn studierte bis 2023 an der Kunsthochschule für Medien Köln. Ihre Arbeit in den Bereichen Zeichnung, Malerei und Animation beschäftigt sich oftmals auf spielerische Art und Weise mit den Themen Körperlichkeit und Introspektion. 2022 war sie mit ihrem Kurzfilm Fulfillmenot bei den Kurzfilmtagen Oberhausen, dem Kurzfilmfestival Köln sowie auf weiteren internationalen Festivals vertreten. Ihr Abschlussfilm Everythingness feiert im Mai Premiere in Oberhausen. Mit ihren Gemälden präsentiert sie im La Felce nun ihre erste Einzelausstellung.

La-Felce-Julia-Jesionek-Julia

Julia Jesionek

La-Felce-Julia-Jesionek-soft-dumpteuse

Dumpteuse (2024), 102,5 x 142,5 cm

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Pond of You (2024), 65 x 48 cm

I have a soft spot for the uncertain, for seamless transitions, for letting feelings run wild, for daydreaming and for quieter notes. When I look at the works of Julia Jesionek I get the impression that our preferences are alike. Perhaps it is also that her paintings invite us to connect with the artist’s thoughts and feelings, so that the boundaries between affinities become blurred. One cannot quite escape from the bright colors and surreal scenes, instead the artist lures us further and further into her fantastic subjects. Thus, we become part of her art, directly experiencing the emotions of the depicted characters – those who allow themselves to do so will be rewarded with a journey through the innermost, which can ultimately give us insight into ourselves.

It hisses, sizzles and hums when the artist sets to work. As if by magic paints are atomized into tiny particles and spread across the canvas through the air pressure. Mint green lines up with indigo and pink follows red. When we look at Jesionek’s paintings, we can still hear the humming from afar. It offers us orientation in this artistic world, which is reminiscent of reality but no longer has anything in common with it. Our eyes as well feel like they are buzzing, as many of the paintings appear seen through a soft-focus lens that blurs the permeable boundaries between our reality and the artist’s inner world. Driven by curiosity, we willingly immerse ourselves into these scenes full of strong protagonists, fantastical beings and all kinds of strange objects.

Like the pigments shot onto the sheet, we find ourselves in the midst of these surreal scenes. Is this still a dream or reality? And if so, whose dream am I actually in? Perhaps the red-haired character in meandyoumories is also dreaming of me, as baffled as I am in this moment. She is lying calmly on a variety of things and resembles a princess on a pea. Keys, teapot, comb and horseshoe and bunny cup seem tailor-made for this deep slumber. Through the delicate colors and the fluffy texture of the application of paint, all the subjects appear inherently light and delicate. I too would love to take a nap there – well guarded by the by the pink snake and the dove. In my dream, I become part of this order, my own memories melting meant to be shared. The thermometer makes reality flash up for a moment – is this wonderful soft cotton world merely a fever dream? Then it would be no wonder that your head is pounding – or is that perhaps the vibrating echo that refers to the creation of the painting?

There is little time to contemplate because the gaze wanders on, to see how these wondrous stories continue to unfold. Before our eyes, the paintings develop a kind of narrative – even though the scenes do not follow a clear chronology. Through their permeability, the different subjects find their way to each other, just as Jesionek’s thoughts and emotions to mine. I empathize with the weeping faces, the large tears falling to the floor and seeming to soak the background of the painting, as in Pond of You. The impression of literally having a pond of tears in front of me is intensified by the by the materiality of the painting: instead of a canvas, a towel is needed to take in all the feelings. I feel the gentle embraces that give strength and are not just limited to human characters. In these surreal constellations, this dream world, anything seems possible – here, every emotion can be lived out in its subtlest nuance!

Given this straightforward openness, it is only logical that many of the characters in Jesionek’s works are naked or almost naked. Within, there is no room for disguise, for masquerades or poker faces. There is no reason to perform here. “To be naked is to be oneself” John Berger stated in his highly acclaimed 1972 essay “Ways of Seeing”. Skin acts as a delicate and permeable threshold to the outside world. Therefore to be naked means to be particularly vulnerable.

Conversely, being naked allows us to perceive our surroundings more profoundly, as we notice every little nuance of the wind or the temperature on our skin. Like companions, the red-haired characters accompany us through these inner worlds. Sometimes they look directly at us, other times they can only be found in the background. We are quickly inclined to identify them as self-portraits of the artist, but that would be too one-dimensional of a view. Rather, they function as alter egos: where it is difficult to be fully, completely naked, in the sense of authentic, they show what remains in the imagination. They also serve us as figures of reception whether we stand facing them or peek from behind their backs. They open up these mental spaces of situations and emotions, providing the anchor that allows us to fully immerse ourselves. Be it sad, happy, proud satisfied – like a blueprint, they demonstrate what is possible on the palette of emotions.

The artworks, which appear soft due to the painting technique, do incorporate difficult feelings as well. The red-haired character in Slow Burn gazes at us with anger and suspicion. The background, which is otherwise so often painted in bright colors, is darkened, the delicate butterflies appear startled. In the Middle Ages, burning nettles were used to ward off evil spirits and demons. It almost seems as if the protagonist has conjured them to protect herself against seemingly hostile influences. Anger and mistrust are thus given a face and indicate that we are not to come closer. What is all too often brushed over with a false smile in everyday life and dealt with internally comes to the surface here. The little silver bear in the bottom left-hand corner can be understood as an ironic refraction of what is happening. Complementary to the character, the bear smiles at us as if butter wouldn’t melt in its mouth. Just like watching cute animal videos on the internet, the sticker bear turns out to be an adequate coping mechanism for difficult feelings. At the same time, the two image levels can be flipped and understood as an invitation to allow unruly emotions and grant them space rather than ever miming the sweet-faced bear.

It is these ambivalences that constantly emerge in Jesionek’s paintings. In the form of ambiguities, false bottoms or interferences, they sometimes cause irritation, however opening up an equally broad scope for interpretation. The delicate style of the paintings is contrasted by the sometimes gloomy and serious subjects. The protagonists draw us into the story, not without at times distancing themselves from us again. The works draw from the in-between, from the ambiguous, but also from our willingness to fully engage in this interplay. And so they hum on…

Julia Jesionek, born 1998 in Gifhorn, graduated from the Academy of Media Arts Cologne in 2023. Her work in the fields of drawing, painting and animation often deals in with the themes of physicality and introspection in a playful manner. In 2022 her animated short film Fulfillmenot was screened at the Oberhausen Short Film Festival, the Cologne Short Film Festival as well as other international festivals. Her graduation film Everythingness, will be premiering in Oberhausen in May. With her paintings, she is now presenting her first solo exhibition at La Felce.

La-Felce-Julia-Jesionek-view

Exh. view Soft Spot

La-Felce-Julia-Jesionek-soft-spot-meandyoumories

meandyoumories (2024), 72,5 x 92,5 cm

La-Felce-Julia-Jesionek-lock

Exh. view

La-Felce-Julia-Jesionek-slow-burn

Slow Burn (2024), 142,5 x 102,5 cm

La-Felce-Julia-Jesionek-view-Timo-Schmidt

Exh.view

La-Felce-Julia-Jesionek-escape-goat-detail

Escape Goat (Detail)

La-Felce-Julia-Jesionek-soft-soft

Exh. view

La-Felce-Julia-Jesionek-calves

Exh. View

Das Blatt

Das Blatt

UND WER LIEST IHNEN VOR, WENN SIE MAL TRAURIG SIND?

Das Blatt. Die Bar
01.03 & 02.03.2024 – je 19 Uhr / 7 pm

mit / with
Tamara Goehringer
Leon Hartmann
Paul Koloseus
Jonathan Mink
Pauline Schröer
Elisa Penth

Die wohl kleinste Bar Kölns feiert am ersten Märzwochenende im La Felce ihre kurzweilige Eröffnung. Die Betreiber:innen der Bar und des Magazins Das Blatt laden Sie herzlich dazu ein, auf beides anzustoßen. Garantieren können wir zwar nicht für einen Sitzplatz, dafür aber für freundliche Bedienung im netten Ambiente und natürlich für prima Texte.

 –

What is probably Cologne’s smallest bar celebrates its opening at La Felce at the first weekend in March. The owners of the bar and the magazine Das Blatt cordially invite you to raise a glass to both. We can’t guarantee a seat, but friendly service in a pleasant atmosphere and, of course, great texts.

[the readings will be in German]

Teil der Serie / Part of the series Advantage Book, eingeladen von / invited by Amelie Gappa

Amelie-Gappa
La-Felce-Amelie-Gappa-Das-Blatt

Tamara Goehringer

La-Felce-Amelie-Gappa-Das-Blatt-Jonathan-mink

Pauline Schröer und Jonathan Mink

La-Felce-Amelie-Gappa-Das-Blatt
Das-Blatt-Gappa-Amelie-La-Felce-Gurke
La-Felce-Amelie-Gappa-Das-Blatt-Köln

Pauline Schröer und Elisa Penth

La-Felce-Amelie-Gappa-Das-Blatt-die-bar
Das-Blatt-Amelie-Gappa-La-Felce
Das-Blatt-La-Felce-Amelie-Gappa
Samuel Ellinghoven   Yongkuk Ko  Brigita Noreikaitė⁣⁣

Samuel Ellinghoven
Yongkuk Ko
Brigita Noreikaitė⁣⁣

a resounding tinkle⁣⁣

Samuel Ellinghoven, Yongkuk Ko, Brigita Noreikaitė⁣⁣

Finissage: 03.12., 3-6 pm | artist talk 4 pm

Artist Talk with Samuel Ellinghoven, Yongkuk Ko, Brigita Noreikaitė + guest Karla Zipfel

Opening: 27.10., 19 Uhr / 7 pm

Curated by Amelie Gappa ⁣⁣
Graphic Design by Juliane Schmitt

27.10.-03.12.2023

Mit einladender Geste ruft es „Welcome Home“⁣⁣
abwehrend sagt es „Achtung vor dem Hund!“⁣⁣
am Ende eines geschwungenen Schotterweges wartend⁣⁣
oder verborgen hinter hohen Hecken, Spitzenvorhängen, Rollläden⁣⁣
mit Geschichte(n) erfüllt⁣⁣
stilisiert ein Kasten, den manche/r „zu Hause“ nennt.⁣⁣

⁣⁣–⁣⁣

⁣⁣With an inviting gesture it calls out “welcome home”
defensively it says “watch out for the dog!”⁣⁣
waiting at the end of a winding gravel path⁣⁣
or hidden behind high hedges, lace curtains, shutters⁣⁣
filled with history(ies)⁣⁣
stylised a box that some might call “home”.⁣⁣

La-Felce-tinkle-Samuel-Ellinghoven-Yongkuk-Ko-Brigita-Noreikaite-Juliana Schmitt

Exh.Poster: Juliane Schmitt

Amelie-Gappa-La-Felce-Samuel-Ellinghoven

Installation view a resounding tinkle, La Felce Cologne 2023, Samuel Ellinghoven, Zuhause ist da, wo nicht nur der Schlüssel passt, sondern auch das Herz sich wohl fühlt, 2023, Marble, hot glue, stainless steel chain, key rings, 80 x 15 x 6 cm (left); our home is our castle, 2023, Hot glue, frosted glass foil, 190 x 188 cm (right), courtesy the artist, Photo: Dirk Rose

La-Felce-tinkle-Samuel-Ellinghoven-Yongkuk-Ko-Brigita-Noreikaite-Juliana Schmitt
Amelie-Gappa-La-Felce-Yongkuk-Ko

Installation view a resounding tinkle, La Felce Cologne 2023, Yongkuk Ko, sunday dawn, 2023, wooden strip, wooden plate, found objects, lamp, artificial snow, 20 x 30 cm, courtesy the artist, Photo: Dirk Rose

Brigita Noreikaitė-Amelie-Gappa-La-Felce

Installation view a resounding tinkle, La Felce Cologne 2023, Brigita Noreikaitė only when not observing can the particle become a wave, 2023, pencil on paper, modeling clay, epoxy resin, 30 x 40 cm (left); act spooky, 2023, pencil on paper, modeling clay, epoxy resin, 30 x 40 cm (right), courtesy the artist, Photo: Dirk Rose

Amelie-Gappa-La-Felce-Samuel Ellinghoven

Samuel Ellinghoven, Zuhause ist da, wo nicht nur der Schlüssel passt, sondern auch das Herz sich wohl fühlt, 2023, Marble, hot glue, stainless steel chain, key rings, 80 x 15 x 6 cm, courtesy the artist, Photo: Dirk Rose

a resounding tinkle –  Text: Amelie Gappa

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If you ask people to draw a house, this is what you usually get: A square as a structural body with a triangle as a roof, fitted here and there with windows or doors. From childhood onwards, it is a popular motif. A tree and some lawn mark the landscape outside, not to forget the sun in the corner. It is astonishing to see how quickly and with how few strokes something so charged with meaning can be created.

Etymologically, Haus (house) has its origins in the Old High German term hûs, meaning something that covers or envelops, and shares linguistic roots with the German word Haut (skin). However, the house as an architectural shell only has a supposedly protective function. The home can function as a shelter, as a place for rest and peace, but it can also turn into a space of fear, through physical or psychological violence or just the gossip of the neighbours, which sounds like a whisper through the street.

Housing is a basic human need and represents the centre of life, influences us in our everyday actions, and can provide privacy, health and well-being. At the same time, it serves the purposes of self-expression and representation, from the inside as well as from the outside, and reflects the social status of the inhabitants. Today, building or buying a house, der “Traum vom Eigenheim” (the dream of home ownership) is a discontinued model, on the one hand it is not environmentally friendly and on the other hand it is financially difficult to realise and thus only guaranteed to a small exclusive group. Nevertheless, it still exists: the collective desire for “die eigenen vier Wände” (one’s own four walls). The exhibition a resounding tinkle examines the private sphere as an individual cosmos of each individual – hidden behind walls, memories, traditions, bourgeois stereotypes, clichés.

Samuel Ellinghoven’s preferred media are sculpture and installation. For the exhibition, he created a work for the shop window of La Felce that falls somewhere between painting and relief. In his practice, he repeatedly confronts traditions, bourgeois stereotypes and clichés. our home is our castle (2023) is what Ellinghoven himself calls a transformative modern-bourgeois kitschy wall painting that translates traditional Bavarian Lüftlmalerei into a contemporary form. He takes the familiar English proverb “My home is my castle”, which describes the home as a place of protection, an impregnable castle, and mixes it with other kitsch moments. With their hands on their hips, two figures guard their fictitious home, surrounded by high defensive fences and an obligatory pet. The symmetrically designed motif is made of hot glue and frosted window film, which, sometimes lightly structured, sometimes patterned, denies us a view into the interior of the room – only specific glimpses through cut-out fragments are possible.

Ellinghoven’s work Zuhause ist dort, wo nicht nur der Schlüssel passt, sondern auch das Herz sich wohl fühlt (2023) (Home is where not only the key fits, but also the heart feels at home) serves as an ironic response to the idea of the home as a fortified castle: For if not under the doormat or the flowerpot, the spare key can be found under the decorative stones and admission is granted at all times.

Yongkuk Ko’s sculptures take up the form of window (frames), but do not provide a view to the outside. Instead, they function as showcases, containers for memories and longings. The miniatures he finds at the flea market or on Ebay are objects with a history that he collages into something new. Many of the figures come from the domestic sphere – a chair, a bench, a vase with flowers – which supports the impression of a separate microcosm. The doll-like cuteness meets elements that appear somewhat threatening or that transfigure the first impression, such as scratches, traces of fire on wood, or illusory shadows on glass. Miniatures themselves are also emblematic of the ambivalence inherent in Yongkuk Ko’s works, as they always give the viewer the impression of control, but at the same time represent a life determined by unknown forces.

Brigita Noreikaitė’s drawings demonstrate her interest in the enigmatic, the hidden and the subconscious. They show us spaces where reality and the dream world merge: A horse in a bedroom amidst numerous fragilely shaped vases, or a woman looking for a way out, while water seems to rise ominously in both rooms. The horse as a magical being appears again and again in fairy tales, myths or even surrealist paintings. It stands for mystery, for the untamed and directs the viewer’s gaze to questions outside the “proverbial domestication of thought”. Symbols that refer to parallel worlds are also encountered by the viewer and support the surreal impression: an eternally long staircase leading to nowhere or an open window with no discernible view. C.G. Jung describes the house “as an extension of the soul”. The rooms in which we live are never only determined by their form or inventory, but are shaped by the individual experiences, memories, fears and traumas of their inhabitants. Brigita Noreikaitė’s drawings reflect on these realms of our psyche.

1) German Dictionary by Jacob and Wilhelm Grimm 1877, IV 2 , vol. 10, col. 641.
2)
Hauenstein, Hanno: Göttliche Pferde, maskierte Hyänen und tänzelnde Hunde, in: Schirn Mag, 30.01.2020, URL: www.schirn.de/magazin/kontext/2020/fantastische_frauen/fantastische_frauen_surreale_tiere_mischmisch/ (accessed: 23.10.2023).
3) C.G. Jung quoted by Raap, Jürgen: Die Dritte Haut: Häuser, in: Kunstforum Bd. 182 – Die dritte Haut: Häuser I, URL: //www.kunstforum.de/artikel/die-dritte-haut-hauser/ (accessed: 24.10.2023).

DE
Bittet man Personen ein Haus zu zeichnen, so bekommt man meist Folgendes zu sehen: Ein Quadrat als Baukörper mit einem Dreieck als Dach, hier und da wird es mit Fenstern oder Türen versehen. Schon im Kindesalter ist es ein beliebtes Motiv. Ein Baum und etwas Wiese markieren die Landschaft im Außenraum, die Sonne in der Ecke nicht zu vergessen. Erstaunlich erscheint es, mit welchen schnellen und wenigen Strichen etwas entsteht, das so mit Bedeutung beladen ist.

Etymologisch hat das Haus seinen Ursprung im althochdeutschen Begriff hûs, was das Bedeckende oder Umhüllende meint und teilt mit dem Wort Haut sprachgeschichtliche Wurzeln. Das Haus als architektonische Hülle hat jedoch nur eine vermeintlich schützende Funktion. Das Zuhause kann als Schutzort fungieren, als Ort für Rast und Ruhe, kann sich aber auch in einen Angstraum verwandeln, durch physische oder psychische Gewalt oder allein das Geschwätz der Nachbar*innen, das wie ein Wispern durch die Straße klingt.
Wohnen ist menschliches Grundbedürfnis und stellt den Lebensmittelpunkt dar, beeinflusst uns in unserem alltäglichen Handeln, kann für Privatheit, Gesundheit und Wohlbefinden sorgen. Gleichzeitig fungiert es zu Zwecken der Selbstverwirklichung und Repräsentation, von innen wie von außen und spiegelt den sozialen Status der Bewohner*innen wider. Der Hausbau oder -erwerb, der „Traum vom Eigenheim“ stellt heute ein Auslaufmodell dar, zum einen klimaunfreundlich und zum anderen finanziell schwierig zu verwirklichen und damit nur einer kleinen exklusiven Gruppe garantiert. Trotzdem existiert er immer noch: der kollektive Wunsch nach den „eigenen vier Wänden“. Die Ausstellung a resounding tinkle blickt auf das Private als individuellen Kosmos jedes Einzelnen – hinter Wänden Verborgenes, Erinnerungen, Traditionen, (klein-)bürgerliche Stereotype, Klischees.

Samuel Ellinghovens präferierte Medien sind Skulptur und Installation. Für die Ausstellung kreierte er eine Arbeit für das Schaufenster des La Felces, die zwischen Malerei und Relief zu verorten ist. In seiner Praxis setzt er sich immer wieder mit Traditionen, (klein-)bürgerlichen Stereotypen und Klischees auseinander. our home is our castle (2023) bezeichnet Ellinghoven selbst als transformative modern-spießig-kitschige Wandmalerei, die die traditionelle bayrische Lüftlmalerei ins heute übersetzt. Er greift das jedem bekannte englische Sprichwort „My home is my castle“ auf, dass das Zuhause als Schutzort, als uneinnehmbare Burg beschreibt und vermengt es mit weiteren offensichtlichen Kitschmomenten. Die Hände in die Hüfte gestemmt, bewachen zwei Figuren ihr fiktives Zuhause, umsäumt von hohen wehrhaften Zäunen und obligatorischem Haustier. Das symmetrisch angelegte Motiv ist aus Heißkleber und Milchglasfolie gefertigt, die uns mal leicht strukturiert, mal gemustert, den Blick in das Innere des Raumes verwehrt – nur gezielte Durchblicke durch ausgesparte Fragmente sind möglich.

Als ironische Antwort auf die Idee des Eigenheims als wehrhafte Burg fungiert Ellinghovens Arbeit Zuhause ist da, wo nicht nur der Schlüssel passt, sondern auch das Herz sich wohl fühlt (2023): Denn wenn nicht unter der Fußmatte oder dem Blumentopf, ist der Zweitschlüssel unter den Ziersteinen zu finden und Einlass jederzeit gewährt.

Yongkuk Kos Skulpturen greifen die Form von Fenster(-rahmen) auf, geben aber keine Sicht nach Außen frei. Stattdessen fungieren sie als Schaukästen, sind Behälter für Erinnerungen und Sehnsüchte. Die Miniaturen, die er auf dem Flohmarkt oder Ebay findet, sind Objekte mit Geschichte, die er zu etwas Neuem collagiert. Viele der Figuren kommen aus dem häuslichen Bereich – ein Stuhl, eine Bank, eine Vase mit Blumen – wodurch der Eindruck eines eigenen Mikrokosmos unterstützt wird. Auf das puppenhaft Niedliche treffen Elemente, denen eine Bedrohlichkeit mitschwingt oder die den ersten Eindruck verklären, wie Kratzer, Spuren von Feuer auf Holz oder scheinbare Schatten auf Glas. Auch Miniaturen selbst stehen sinnbildlich für diese Ambivalenz, die Yongkuk Kos Werken innewohnt, indem sie Betrachtenden immer den Eindruck von Kontrolle geben, aber gleichzeitig für ein Leben, bestimmt von unbekannten Kräften, stehen.

Brigita Noreikaitės Bleistiftzeichnungen zeugen von ihrem Interesse für das Rätselhafte, Verborgene und Unterbewusste. Sie zeigen uns Räume, in denen sich Realität und Traumwelt vermischen: Ein Pferd in einem Schlafzimmer inmitten zahlreicher fragil geformter Vasen oder eine Frau auf der Suche nach einem Ausweg, während Wasser in beiden Räumen bedrohlich anzusteigen scheint. Das Pferd als magisches Wesen taucht in Märchen, Mythen oder auch surrealistischen Gemälden immer wieder auf. Es steht für Rätselhaftigkeit, für das Ungezähmte und richtet den Blick auf Fragen außerhalb der „sprichwörtlichen Domestizierung des Denkens“. Auch Symbole, die auf Parallelwelten verweisen, begegnen den Betrachtenden und unterstützen den surrealen Eindruck des Geschehens: Eine ewig lange Treppe, die ins Nichts führt oder ein geöffnetes Fenster ohne erkennbaren Ausblick. C.G. Jung beschreibt das Haus „als Verlängerung der Seele“. Die Räume, in denen wir leben sind nie nur durch ihre Form oder ihr Inventar bestimmt, sondern geprägt von individuellen Erlebnissen, Erinnerungen, Ängsten und Traumata ihrer Bewohner*innen. Brigita Noreikaitės Zeichnungen erzählen von diesen Räumen unsere Psyche.

4) Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm 1877, IV 2 , Bd. 10, Sp. 641.
5) Vgl. Hauenstein, Hanno: Göttliche Pferde, maskierte Hyänen und tänzelnde Hunde, in: Schirn Mag, 30.01.2020, URL: www.schirn.de/magazin/kontext/2020/fantastische_frauen/fantastische_frauen_surreale_tiere_mischmisch/ (Zugriff: 23.10.2023).

6)Vgl. C.G. Jung zitiert von Raap, Jürgen: Die Dritte Haut: Häuser, in: Kunstforum Bd. 182 – Die dritte Haut: Häuser I, URL: //www.kunstforum.de/artikel/die-dritte-haut-hauser/ (Zugriff: 24.10.2023).

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Installation view a resounding tinkle, La Felce Cologne 2023, Yongkuk Ko, wanderlust, 2023, wooden strip, wooden plate, found objects, varnish, acryl glass, 40 x 60 cm, courtesy the artist, Photo: Dirk Rose

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Installation view a resounding tinkle, La Felce Cologne 2023, Yongkuk Ko, sunday dawn, 2023, wooden strip, wooden plate, found objects, lamp, artificial snow, 20 x 30 cm (left); wanderlust, 2023, wooden strip, wooden plate, found objects, varnish, acryl glass, 40 x 60 cm (right), courtesy the artist, Photo: Dirk Rose

Brigita Noreikaitė⁣⁣, Yongkuk Ko, Amelie Gappa, Samuel Ellinghoven

Brigita Noreikaitė⁣⁣, Yongkuk Ko, Amelie Gappa, Samuel Ellinghoven

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Installation view a resounding tinkle, La Felce Cologne 2023, Yongkuk Ko, sunday dawn, 2023, wooden strip, wooden plate, found objects, lamp, artificial snow, 20 x 30 cm, courtesy the artist, Photo: Dirk Rose

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Installation view a resounding tinkle, La Felce Cologne 2023, courtesy the artists, Photo: Dirk Rose

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